Bestandserhaltung

Beschreibung

Schriften, Maschinen, Geräte, Werkzeuge und Anschauungsmaterial der Schwarzen Kunst zu retten ist ein erklärtes Ziel unseres Vereins. Wir haben weder Werkstatt noch Lager, sondern verstehen uns als neutraler Vermittler.

Auf dieser Seite bieten wir Hinweise als »Hilfe zur Selbsthilfe«, also wie Anbieter und Nachfrager vorgehen können, um ihr Anliegen bekannt zu machen.

Wir haben viel Erfahrungen, was möglich ist, und wo es nicht gelungen ist, Bestände vor der Verschrottung bzw. vor dem Altmetall zu retten. Lesen Sie hier ein paar bewusst anonym gehaltene »Geschichten von Rettung und Verlust«.

 

Begrifflichkeiten, Abgrenzungen

Zur Erleichterung der Kommunikation unterscheiden wir folgende Begriffe auf Anbieter- und Nachfragerseite:

Bestand Satz

Sammelbegriff für Bleisatz, Bleisatzschränke, Satzabteilungen. Wir unterscheiden:

  • Konvolut Satz: Bleisatzregale mit Schriften, die aufgrund ihrer Zusammenstellung (Schriftarten, Schriftfamilien, Schriftgarnituren) eine (ehemals) funktionierende Setzerei abbildet.
  • Sammlung Satz: Bestand einer Sammlung, die keine (ehemalige) Druckerei abbildet, sondern aus anderen Gründen gesammelt wurde. Wir unterscheiden Großbestand (mehr als fünf Bleisatzregale), Mittelbestand (2 bis 5 Regale) und Kleinbestand (einzelne Schriften bis 1 Regal).

Bestand Buchdruck

Sammelbegriff für abzugebene manuelle oder maschinelle historische Buchdruckmaschinen wie Handpressen, Boston-Tiegel, kleine und große Abzieh- und Andruckpressen (von der »Nudel« bis zu Korrex oder FAG) und Buchdruckmaschinen wie OHT und OHZ.

Bestand Buchbinderei

Sammelbegriff für Bestände von Handbuchbindereien, wie Geräte und -maschinen, Prägeschriften, Prägepressen wie Prägnant u.a.. Bei Beständen für Handbuchbindereien kooperieren wir mit dem Verein MDE – Meister der Einbandkunst – Internationale Vereinigung e.V..

 

Hilfe zur Selbsthilfe

Jedem Interessierten und jedem Mitglied stehen folgende Möglichkeiten zur Verfügung:

Mailingliste des Vereins für die Schwarze Kunst

Mitglieder und Interessenten des Vereins können eine Mailingliste nutzen, die bei einem Hoster liegt, der für sehr geringen Spam bekannt ist. Derzeit hat die Liste gut 200 Abonnenten. Sie funktioniert nach dem Prinzip: Eine Mail an die Liste (schwarzekunst@listen.jpberlin.de) = alle Abonnenten werden erreicht. Bei der Antwort sollte man darauf achten, dass nicht an alle geantwortet wird, nur an den (sichtbaren) Versender.

Die Registrierung und auch eine spätere Abmeldung erfolgt über https://listen.jpberlin.de/mailman/listinfo/schwarzekunst.

Facebook-Gruppe »Freunde der Schwarzen Kunst«

Die Facebook-Gruppe »Freunde der Schwarzen Kunst« begleitet den Verein von Beginn an, also seit 2013. Derzeit hat sie gut 2.600 Mitglieder. Angebote und Nachfragen sind erwünscht, aber nur, wenn es (a) eine Preisvorstellung und (b) einen Hinweis zum Standort gibt. Interessante Funde aus eBay werden gelegentlich von den Facebook-Mitgliedern in diese Gruppe verlinkt.

Unterstützung durch den Verein für die Schwarze Kunst

Sollten Sie Unterstützung bei der Einstellung oder Veröffentlichung Ihres Angebots benötigen, helfen wir gerne. Ansprechpartner ist unsere Koordinatorin für die Bestandserhaltungen, Anne König, anne@anne-koenig.de. Dieser Service wird typischerweise angeboten, wenn Bestände kostenlos angeboten werden und dem Anbieter die weitere sinnvolle Nutzung besonders wichtig ist. Vermittelt wird zu öffentlichen Einrichtungen (Museen, Schulen, Hochschulen), zu anderen Vereinen und zu Werkstätten oder Werkstätten in Gründung von Künstlern, insbesondere unseren Walz-Alumni.

Dabei kann es auch zu Austausch von Material kommen, also dass z.B. eine „abgenudelte“ Garamond der Hochschulwerkstatt xy mit einer weniger genutzten ausgetauscht wird.

Bei kostenlosen Abgaben an staatliche Einrichtungen (Museen, Hochschulen, Schulen) verfügt der Verein über gesonderte Mailinglisten und Kontakte.

Museen

Sollten Sie glauben, dass ihr Bestand musealen Wert hat, gibt es zwei Wege:

1.) Sie wenden sich direkt an die Mussen, vgl. Netzwerkkarte, oder

2.) Sie wenden sich an uns per E-Mail post@verein-fuer-die-schwarze-kunst.de. Sollten dabei Besteände sein, von denen wir annehmen, dass sie musealen Wert haben, informieren wir Sie, damit Sie diese dann selbst den Museen zum Ankauf/zur Abgabe anbieten können, denn für uns gilt: Bei musealem Wert gilt Erhalt vor Gebrauch.

Die Museen mit grafischen Abteilungen sind fast alle Mitglied unseres Vereins. Wir hören von diesen in den meisten Fällen: »Wir sind voll«. Viele Bestände, von denen wir erfahren haben, wurden zuerst von Anbietern Museen angeboten, die diese aber nicht mehr brauchten zur Bestandsergänzung.

Rettungskommando

Sollten Sie weder zur Selbsthilfe noch durch unsere Hilfe Bestände abgeben können, prüfen wir, ob es in unserer Mitgliedergruppe in Ihrer räumlichen Nähe Menschen gibt, die den Bestand oder Teile des Bestandes sachkundig »retten«. Es würde sich letztlich um ein »ausschlachten« handeln, also die Mitnahme von Material zur kurzfristigen Weitergabe an unsere Mitglieder oder öffentliche Einrichtungen. Dieses sind dann typischerweise Tausch- oder Ergänzungsschriften, Werkzeuge und Anschauungsmaterial.

Händler

Für große und mittelgroße Bestände, die sich im Raum Nordrhein-Westfalen befinden, lohnt sich eine Anfrage beim Bleisatzmagazin Rheinland. Auf der Webseite kann man sich auch einen kleinen Eindruck davon machen, was maximal am Markt erzielbar ist. Die Autorin dieser Seite hat gute Erfahrungen mit dem Ankauf. Es lohnt sich auch, nach typischen Geräten und Mobiliar anzufragen, da immer wieder eine Druckerei aufgelöst wird und die Mitarbeiterin des Bleisatzmagazin Rheinlands dann gezielt danach Ausschau halten kann. Wenn man über Neuzugänge informiert werden möchte, kann man sich in eine E-Mailliste eintragen lassen.

Der Händler Süddeutsches Bleikontor hat den An- und Verkauf von Schriften nach unserem Wissen (Stand 2/26) eingestellt, da sich finanziell der Aufwand der Beschaffung, Lagerung und Vermittlung nicht lohnte. Ein Blick auf die Seite lohnt aber evtl. für Werkzeuge und Blindmaterial.

Bestände mit speziellen Legierungen aus Zinn verkauft »Drucken und Lernen«. Wir empfehlen aber auch für Schulen die Nutzung von Bleischriften, vgl. unsere Arbeitssicherheitshinweise.

Für Maschinen lohnt sich eventuell ein Inserat in Maschinensucher.de.

eBay und Kleinanzeigen

Die Schriften, die über eBay und Kleinanzeigen angeboten werden, sind aus unserer Sicht im Vergleich mit dem Handel zu teuer, aber es gibt immer wieder interessante Ausnahmen. Achten Sie beim Ankauf auf die richtige Schrifthöhe.

Länder Schrifthöhe
Deutschland, Frankreich (Deutsch-französische Normalhöhe)* 23,567 mm
Belgische Höhe (auch Österreich und Ungarn)* 23,692 mm
Niederlande (Holländische Höhe)* 24,847 mm
Italien 24,8 mm
Englisch-amerikanische Höhe* 23,3318 mm
*aus: Berthold-Vademecum für das graphische Gewerbe, herausgegeben von H. Berthold A.G.

»Vraag & aanbod« des niederländischen Vereins Drukwerk in de Marge

Unser niederländischer Partnerverein Drukwerk in de Marge bietet allen die Möglichkeit, Angebote auf ihre Webseite zu stellen. Interessenten filtern nach „vraag & aanbod“ und/oder können einen täglichen Newsletter abonnieren. Achten Sie auch hier auf die (meistens, aber nicht immer angegebene, meist falsche, da holländische oder belgische!) Schrifthöhe. Die Seite wird von auch von deutschen Anbietern insbesondere aus dem norddeutschen Raum vermehrt genutzt, und es gibt viele interessante Geräte und Materialien, für die die unterschiedliche Schrifthöhe nicht relevant ist.

Geschichten von Rettung und Verlust

Verlustgrund Nr. 1: Unrealistische Preisvorstellungen

Beschreibung:

Eines unserer Vereinsmitglieder wird kontaktiert: Der Mietvertrag eines verstorbenen Sammlers läuft zum Jahresende aus, und ein mittelgroßer Bleisatzbestand soll »in gute Hände« abgegeben werden. Fotos und die telefonische Beschreibung zeigen, dass sich der Bestand in schlechtem Zustand befindet. Das Mietobjekt ist feucht, der Sammler bereits vor zwei Jahren verstorben, und die mangelhaften klimatischen Bedingungen haben Schäden verursacht.

Da sich der Bestand in regionaler Nähe des Vereinsmitglieds befindet und dieses gut vernetzt ist – unter anderem mit Schuldruckereien –, klärt es telefonisch, ob der uns bekannte Verlustgrund Nr. 1 vorliegt: unrealistische Preisvorstellungen. Die Kontaktperson nennt einen Preis von 600 Euro bei Selbstabholung.

Obwohl das Vereinsmitglied in Vorleistung gehen müsste – die Zeit drängt, und eine Mitfinanzierung durch Schulen ist noch nicht gesichert –, macht es sich auf den Weg, um den Bestand vor Ort zu sichten. Es findet einige für Schuldruckereien nützliche Schriften sowie zwei Frakturschriften, die den eigenen Bestand sinnvoll ergänzen würden. Eine Rettung erscheint lohnend. Ein Abholtermin wird vereinbart, und der Kontakt zu den Schulen aufgenommen.

Zwei Wochen vor dem vereinbarten Abholtermin – und sechs Wochen vor Auslaufen des Mietvertrags – erhöhen die Erben den Preis auf 3.000 Euro. Die Rettung misslingt. Der Mietvertrag endet, das Kulturgut geht verloren.

Fazit:

Dieses Beispiel ist leider typisch und erinnert mich an meinen Vater, einen Briefmarkenhändler. Auch er stieß immer wieder auf ein ähnliches Phänomen: Erben glauben, eine Sammlung müsse sehr viel wert sein – schließlich hat der Verstorbene viel Zeit, Geld und Liebe investiert. Diese ideelle Wertschätzung soll sich zumindest in Euro ausdrücken.

Hinzu kommt, dass Erben die bei eBay aufgerufenen Preise für Bleisatzschriften sehen und – ähnlich wie bei Briefmarkenkatalogpreisen – einen entsprechenden Marktwert vermuten. Dabei wird übersehen, dass Käufern von Bleischriften – anders als bei den kleinen mit der Post versendbaren Briefmarken – erhebliche zusätzliche Aufwände entstehen: Sichtung, Verpackung, Transport, Netzwerkarbeit und, bei eigener Übernahme, hohe Raumkosten. Kosten.

Teilrettung: Transparenz und Einzelverkauf

Beschreibung:

Eine in den frühen 1920er-Jahren gegründete kleine Akzidenzdruckerei mit drei Tiegelpressen und acht Schriftregalen muss aufgrund des Verkaufs des Hauses aufgelöst werden. Die Tochter des früheren Besitzers, die selbst noch mit dem Material gearbeitet hat, kontaktiert Mitte 2024 den Verein mit der Bitte um Unterstützung. Über ihr eigenes Netzwerk hatten sich bislang nur Personen gemeldet, die ausgewählte Schriften – insbesondere die Holzschriften – kostenlos aus dem Konvolut übernehmen wollten. Dies lehnte die Tochter ab.

Über die Mailingliste des Vereins fanden sich zwei Abnehmer für zwei der drei Druckmaschinen. Diese wurden zügig abgeholt, und die Tochter erhielt jeweils eine kleine Spende. Da sie selbst »vom Fach« war, freute sie sich über die Rettung der Maschinen und verzichtete von Beginn an auf einen festen Abnahmepreis. Für die „jüngste“ Druckmaschine, eine voll funktionsfähige ADAST Grafopress aus Tschechien (Baujahr 1990), fand sich kein Käufer; sie wurde schließlich verschrottet. Die beiden Grafopress-Druckrahmen schenkte die Tochter dem Verein. Sie werden derzeit als Anschauungsobjekte für Bleisatzdruckformen in der Mein*-Morgenstern-Ausstellung verwendet.

Der mittlere Bleisatzbestand wurde von einem Vereinsmitglied in Zusammenarbeit mit der Tochter ausführlich mit Fotos und Text dokumentiert. Über die Mailingliste und die Facebook-Gruppe des Vereins wurde das Konvolut bekannt gemacht. Eine Einzelabnahme der Schriften aus den Schriftkästen wurde zu Preisen von etwa 30 % der bei eBay aufgerufenen Preise angeboten.

Es fand sich kein Interessent.

Schließlich erwarb das Vereinsmitglied selbst auf eigene Kosten Schriften, die einen Hochschulbestand sinnvoll ergänzen, und schenkte diese der Hochschule. Die übrigen Schriften lagern heute in einem Gartenhaus und warten (Stand 1/26) weiterhin auf Interessenten.

Fazit:

Für den Verein war diese Aktion ein aufschlussreicher Test. Das Vereinsmitglied war davon ausgegangen, dass ein wesentlicher Verlustgrund darin liegt, dass potenzielle Käufer keine ganzen Konvolute übernehmen können, wohl aber Interesse an interessanten Einzelschriften zu einem akzeptablen Preis haben. Diese Annahme bestätigte sich nicht. Die einzige Interessentin blieb das Vereinsmitglied selbst, das aus altruistischen Gründen kaufte.

Rettung: Übernahme eines Konvolut Satz in eine Hochschule

Beschreibung:

Eine Privatpresse wurde vom noch lebenden Besitzer aus Altersgründen aufgelöst. Da sich der Bestand früher in einer öffentlichen Einrichtung befand, war das Ziel, den Bestand wieder an eine öffentliche Einrichtung zu überführen. Der Transport musste übernommen werden, eine Spendenquittung wurde verlangt, es war aber kein finanzieller Ausgleich geplant.

Über den Verteiler des Vereins an staatliche Hochschulen mit Grafik-/Designstudiengängen gelang die Rettung. Heute befindet sich das Konvolut in der Hand einer von einer ausgebildeten Werkstattleitung betriebenen Hochschuldruckerei.

Fazit:

Schul- und Hochschuldruckereien sind ein Thema für sich. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Platz verbrauchen und damit zum Kollegium eine gute didaktische Begründung, denn Platz ist eine dauernd umkämpfte Ressource. Und gemeinsam ist ihnen, dass sie jemanden zur Betreuung brauchen. In allen Schuldruckereien und in den meisten Hochschuldruckereien gibt es keine ausgebildeten Werkstattmitarbeiter in Festanstellung, die Handsatz beherrschen. Die Lehrer oder Hochschullehrer selbst müssen also für Ordnung und Sauberkeit sorgen. Außerdem gibt es eine zurückgehende Zahl Lehrkräften, die selbst den Wert einer Ausbildung im Handsatz kennen und schätzen gelernt haben. Wenn eine engagierte Lehrkraft in den Ruhestand geht, scharrten oft schon andere mit den Füßen und die Druckereien wurden aufgelöst.

Der Neuaufbau erfordert eine hohe Kraftanstrengung der Person, die sich darum bemüht. Eine kostenlose Bereitstellung eines Bestandes ist darum Voraussetzung, um überhaupt die Raum- und Personalressourcen intern durchsetzen zu können.

Rettung: Original Heidelberger Tiegel in eine Hochschuldruckerei

Beschreibung:

Ein Mitarbeiter einer Zeitungsdruckerei findet beim Auflösen einer Zweigstelle einen gut erhaltenen OHT und bietet diesen den Verein zur kostenlosen Abgabe an.

Aufgrund der Netzwerke des Vereins gelang die Abgabe an eine staatliche Kunsthochschule. Eine Schulung der Mitarbeiter der grafischen Werkstätten dieser Hochschule ermöglicht jetzt die Nutzung in Übungen und in freien Projekten.

Fazit:

Es braucht Kenner des Wertes unserer Bestände – und engagierte Persönlichkeiten, die sich um eine Weitergabe bemühen. In allen Fällen ist es einfacher, zu verschrotten und vielleicht sogar noch etwas Geld für das Altmetall zu bekommen. Je weniger Menschen den Wert des Kulturguts kennen, umso mehr wird mangels Wissen verschrottet werden. Und so schließt sich der Kreis: Die Weitergabe von Wissen, wie sie z.B. über unseren Verein durch die Walz erfolgt, ist Voraussetzung für den Erhalt unseres Kultur- und Designerbes.

Redaktion: Anne König, Berlin, Hinweise bitte an anne@anne-koenig.de.